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Nachbarn

2002-08-30 - Ein Buch zum Projekt von Kovylina Elena WOHNUNGS-PROJEKT “Ich und meine Nachbarn oder Nachbarschafts-Realität” Von Elena Kovylina Übersetzung: Sandra Frimmel – Berliner Festwochen 2002 Berlin

/…/ Ich stelle mir die Räume für die Zuschauer als einen Kommunikationsraum zwischen mir und meinen Helden vor. Die Helden – das sind jene Menschen, die mich umgaben als Nachbarn, als Gaeste oder Freunde, mit denen ich mein Leben geteilt habe. Das sind Puschok, Chomjak, Rebecca, Manuel, Jana, Kljutsch und andere.
Der Zuschauer ist nicht nur passiver Betrachter, sondern aktiver Teilnehmer des Projekts. Er wird in das System dieser Beziehungen mit einbezogen. Am Eingang erhält er ein Buch mit sieben Kapiteln, von denen jedes einem Helden gewidmet ist. An jedem Abend widme ich meine Performance einem neuen Kapitel und somit einem neuen Helden. Ich verstärke ungewöhnliche Elemente, die im Umgang mit diesen Menschen Bedeutung hatten und betone diese bis ins Absurde. Der Zuschauer kann dabei Schauspieler sein und die Rolle des jeweiligen Helden nach einem bestimmen Szenarium nachspielen.

1. KAPITEL – REBECCA

Am 17. Juni kam ich nach Berlin. In Berlin gibt es sogar eine Strasse, die zu Ehren meiner Ankunft benannt ist – die Strasse des 17. Juni. Und sofort wurden mir auch zwei Engel gesandt, ein großer und ein kleiner, Rebecca Horn, meine Professorin, und Rebecca Raue, ihre Studentin und meine Kommilitonin. Rebecca Horn lernte ich am Jour Fixe unserer Klasse in der HdK kennen. Sie stellte mich den übrigen Studenten vor und erzählte, wie sie einst vor 30 Jahren ihre ersten drei Tage in New York verbrachte. Eben dieser Tag war auch mein dritter Tag in der neuen Stadt.
Ich war wie im Affekt. Alle meine Empfindungen waren verscharrt, Aufregung mischte sich mit Euphorie, in mir kochte das Adrenalin und in meinem Kopf tobten tausend Gedanken in der Minute. Frau Horn war unwiderstehlich: feuerrote Haare, ein scharfsinniger Blick, energische Gesichtszüge. Sie strahlte eine ungeheure Energie aus, die aus ihrer inneren Kraft gespeist wurde und sämtliche Blicke auf sie lenkte.
An diesem Abend, bevor ich meine Performance “Walzer” zeigte – nach der ich für 24 Stunden in der Zustand der völligen Erinnerungslosigkeit fiel, da ich einen ganzen Liter Wodka getrunken hatte – geschah etwas bemerkenswertes, genauer eine Reihe von Zwischenfäller, die mir den Eindruck vermittelten, dass der Kontakt, die Beziehung mit meiner neuen Profession auf einer mystischen und unerklärlichen Ebene geknüpft wurde.

Gleichzeitig gab es drei Zwischenfälle. Matthias, der Assistent von Frau Horn, lehnte sich auf das Waschbecken, und es wäre beinahe klirrend auf dem Boden fallen, und alles zersprang in kleine Stücke. Ich selbst presste unter diesem Eindruck das Glas in meiner Hand derart stark, dass es zersprang – die Scherben fielen in alle Richtungen.
Es fand eine unglaubliche energetische Ballung im Atelier 72 statt!
Danach bot Rebecca Raue mir an, in ihrer Dreizimmerwohnung in der Christinenstrase 11. Zu wohnen. Das war meine erste richtige Wohnung, danach hatte ich nur eine Bleibe in der Brunnenstrasse 154. Rebeccas Eltern bezahlten ihre Miete, wodurch auch ich nichts für diese Wohnung zahlen musste. Ich habe nicht wirklich verstanden, wer ihre Eltern sind. Ich habe den Eindruck, ihr Vater ist ein sehr einflussreicher Mann, ein Richter oder Anwalt. Ich habe vieles nicht verstanden. Insbesondere in dieser Zeit meines Lebens, wie viel Glück ich hatte, dass ich ganze drei Monate bei Rebecca wohnen durfte. Ich hatte mein eigenes Zimmer.
Zu Rebecca habe ich eine sehr freundschaftliche, herzliche Beziehung. Sie war sehr geduldig in Bezug auf meine Unerfahrenheit im WG-Leben. Ich war nicht immer sehr ordentlich, habe nicht immer das Geschirr abgewaschen. Aber der Stein des Anstoßes zwischen uns war der Müll. Ich als Kind aus einem wilden Land konnte unmöglich die Regeln einer zivilisierten Gesellschaft verstehen und den Müll in die verschiedenen Kategorien trennen – Plastik einzeln, Schalen einzeln…
Rebeccas Geduld war jedoch zu Ende, als sie an ihrem Geburtstag von einer reise zurückkehrte und einen Mülleimer vorfand, aus dem der unsortierte Müll nur so herhausvoll. Sie schüttete alles auf den Boden und fing an, ihn zu sortieren.
Danach musste ich mir eine andere Wohnung suchen. Glücklicherweise hatte diese Episode keinen nachhaltigen Einfluss auch unsere Beziehung; Rebecca verzieh mir und kam sogar zu Besuch in die Brunnenstrasse.

Die Strasse des 17. Juni ist nach dem Arbeiteraufstand gegen die SED-1953 in der DDR, benannt, der u. a. mit Panzern der Roten Armee niedergeschlagen wurde

2. KAPITEL – ILJA

Ilja ist untrennbar mit der Wohnung in der Brunnenstrasse verbunden, da ich dank ihm die erste Miete an Jana (siehe Kapitel 3) bezahlte. Nachdem ich bei Rebecca ausgezogen war, befand ich mich in einer Krise. Krisen haben, wie ich bemerkte, einen sehr heilsamen Einfluss auf mich. Sie geben mir keine Gelegenheit, mich gehen zu lassen und regen mich zu einer intensiven Schaffensphase an, zur Suche nach einem Ausweg in Richtung neuer Strudel des Schicksals.
Zeitgleich mit der Wohnung verlor ich auch meinen Arbeitsplatz und trennte mich von meinem Freund. Ich verstand erneut was es bedeutet, im buchstäblichen Sinn vor dem Nichts und auf der Strasse zu stehen. Einige Tage könnte man sicherlich irgendwo unterkommen, aber lange hält man so etwas nicht aus.
An einem dieser verlorenen Abende streifte ich durch die Berliner Kunstszene und traf Danja, eine Bekannte aus der Klasse Baselitz. Sie sagte: “Lass uns zu Ilja fahren, er wird sich freuen!”. Ilja kannte ich schon lange. Er war mein Chef, der Besitzer der Kneipe “Gorki Park”, in der ich den Sommer über gearbeitet hatte. Wir fuhren also zu Iljuscha. In der Emigration beginnt die Seele eines Russen üblicherweise zu leiden und empfindet eine Sehnsucht nach etwas, das es in der Natur nicht gib. Bei jedem bildet sich irgendwann solch ein Bund mit der ehemaligen Heimat heraus, die Frage ist nur, in welcher Form. In diesem Zustand trafen wir Ilja. Wir aßen in seinem “Ejsenstejn” zu Abend und fuhren anschließend ins Kasino. Ilja trug die Tageseinnahmen von 2000 DM zur Kasse und schlug mir vor, meinen Einsatz zu machen. Da ich in der Liebe kein Glück hatte sollte ich – zumindest der Theorie nach – im Spiel gewinnen. Er selbst hatte sich fest vorgenommen nicht zu spielen, da er sich einmal aufgrund seiner Wut und Gier zugrunde gerichtet hatte. Im Falle einer Niederlage sollte ich ihm nichts schuldig sein, im Falle eines Gewinnes würden wir das Unerwartete zwischen uns aufteilen. Ich lehnte diesen verlockenden Vorschlag nicht ab insbesondere, da es auch furchtbar spannend war. Ich machte meinen Einsatz und verspielte ziemlich schnell alles, was ich hatte. Es blieb nur eine unbedeutende Summe übrig, und ich beschloss, zur Bank zu gehen. Ich setzte alles auf schwarz. Und ich hatte Glück – eins, zwei, drei. Nachdem wir die Jetons zur Kasse getragen und das entsprechende Äquivalent erhalten hatten, fuhren wir zu dritt noch die ganze Nacht im Taxi durch Berlin, waren in allen möglichen Clubs and andere Etablissements.
Ilja ist für mich ein außergewöhnlicher Mensch. Im Grunde seiner Seele ist er kein Händler, sondern ein nicht verwirklichter Künstler. Ich mag ihn sehr. Er hat nicht nur einmal die Möglichkeit gefunden mir zu helfen, als es mir schlecht ging – und das auf eine Art und Weise, dass er mir nicht auffiel. Doch das merkwürdigste ist, dass er am gleichen Tag Geburtstag hat wie mein Exmann und wie ein weiterer mir wichtiger und lieber Mensch, über den ich später noch schreiben werde. Alle diese wunderbaren Geburtstage fallen auf den 1.Mai, den Tag der Arbeitersolidarität.

3. KAPITEL – JANA

Jana ist eine Frau ohne konkrete Beschäftigung, man könnte sie als Abenteurerin bezeichnen – zumindest aus dem Grund, dass sie es fertig brachte, nach Russland zu fahren und mir dabei eine Wohnung zu überlassen, die eigentlich gar nicht ihre war.
Jana wurde in dem kleinen ukrainischen Städtchen Tschernigov geboren. Als sie auf dem Kinofestival in Kiew war, machte sie die richtigen Bekanntschaften, woraufhin sie eine Anstellung bei einer Videokopierfirma fand, die dass Haus in der Brunnenstrasse 154 gemietet hatte. Im Winter machte die Firma pleite, doch Jana setzte ihre drohenden Forderungen nach Bezahlung fort, indem sie Emails entweder aus Moskau oder aus Kiew oder von der Krim schickte. Eines Tages sendete sie einige kräftige Männer in die Firma, die ohne ein Wort zu verlieren die Wohnung auf den Kopf stellten und sagten, wenn wir Jana nicht ihr Geld zahlen würden, würde es uns schlecht ergehen. Dann gingen sie. Puschok, dem ich später eines der Zimmer vermietete (siehe Kapitel 4), war eigentlich sehr friedfertig, doch trug er für alle Fälle immer ein Messer in der Tasche.
Unabhängig von diesen Ereignissen beeindruckt mich Jana immer noch durch ihre Lebenstüchtigkeit und Hartnäckigkeit. Im Alter von 19 Jahren ging sie ohne einen Pfennig Geld in den Tasche aus Kiew fort und arbeitete mit 20 in Paris als Fotomodell. Doch mit der Kariere als Fotomodell hat es nicht geklappt, so dass sie beschloss Regisseurin zu werden. Leider reichte dafür ihre Ausbildung nicht aus. Gerüchten zufolge sucht Jana nach einem Sponsor, um in Amerika zu studieren. Schade, dass sie nicht gleich nach Hollywood geht, denn dann könnte man meinen, ihr Leben erinnere doch stark an das – etwas banale – Märchen von dem Mädchen, das davon träumt Prinzessin zu werden.


4. KAPITEL – PUSCHOK

Ich lernte Puschok /im dtsch. Flaum, Anm. der Übersetzerin/ in einem Moskauer Musikstudio kennen, das sich im Keller eines Hochhauses in der Wojkowskaja-Strasse befand. Er hatte zu der Zeit vor, in ein paar Tagen nach Berlin zu fahren und war von der Idee besessen, dort eine Untergrundfabrik für Polstermöbel – Sofas und Sessel – zu dräuenden. Er erzählte von dieser riesigen Fabrik, die in einem einzigen heruntergekommenen Raum untergebracht sein sollte, in dem die chinesischen Frauen an ihren Nähmaschinen arbeiten würden.
In Berlin habe ich ihn gleich nach meiner Ankunft getroffen, anderthalb Jahre nach unserer ersten Begegnung in Moskau. Natürlich hatte er keine Fabrik gegründet, er ist aber ein berühmter DJ geworden – DJ Wlad – und hat einen Underground-Club, die “Waffengalerie” in Mitte, genau im Herzen von Berlins Kunstszene hochgezogen.
Da sein Visum schon lange abgelaufen war, lebte er ohne gültige Papiere – doch er wollte auch nicht zurückkehren.
Puschok ist es gelungen, in der ersten Hälfte der 90er durch Spekulationen mit billigen Waren aus asiatischen Ländern, aus Singapur, von den Philippinen, viel kapital anzuhäufen. Er hat in der Offshore- Zone auf den Kanaren eine Handelsfirma registrieren lassen, um keine Steuern zahlen zu müssen.
Das Geschäft machte Fortschritte. Nach Moskau kamen Frachtflugzeuge mit den Waren, durch Sibirien rollten Güterzüge an, die Lagerhäuser und Büros summten vor Geschäftigkeit – kurz gesagt, alles funktionierte wie am Schnürchen.
Puschok war der einzige von drei Firmengründern, der eine Fremdsprache beherrschte. Man könnte sagen, er gehörte zu der goldenen Jugend dieser Zeit: Er hatte zur Sowjetzeit eine Eliteschule mit erweitertem Fremdsprachenunterricht besucht. Solche Kenntnisse erlaubten damals dem sowjetischen Menschen die exklusive Gelegenheit des mentalen Überschreitens der Grenzen des ideologisch geschlossenen Systems in die andere, kapitalistische Dimension. Mitte der 80er Jahre, während Puschoks Jugendzeit, waren Fremdsprachen Kenntnisse die ideale Voraussetzung, um schnell zu Geld zu kommen.
Puschok kaufte bei ausländischen Touristen die Ware und Valuta und verkaufte diese, mit den Wechselkursen spielend, an seine Landsleute. Bald landete er wegen illegaler Spekulation im Knast für Minderjährige. Die gesamte Inhaftierungszeit verbrachte er in einem gesundheitsschädlichen chemischen Betrieb. Nach seiner Entlassung zwei Jahre später war der Währungshandel legalisiert, und in Moskau eröffnete eine Wechselstube nach der anderen…
In den frühen 90ern herrschten in Moskau die Gesetzte des “Wilden Westens” wie bei Charles Dickens. Die Geschäfte von Puschoks Firma interessierten bald mehrere kriminelle Gruppierungen wie “Solntsewskaja”, “Tschertanowskaja” und Gott weiß wen noch. Es kamen Drohungen, die Forderungen wuschen von Tag zu tag. Man schaffte es kaum von einem “Geschäftstermin” zum nächsten. Auf einmal wurde der Berg von Schwierigkeiten und Problemen immer großer, und letztendlich verlief sich alles im Sande.
Zuerst verschwand Serjoga Koschkin, Puschoks bester Freund und Kompagnon. Er ist in Thailand gestorben. Er war ein Profi-Sambokaempfer. Als mein seine Leiche im Hotel entdeckte, waren sämtliche Knochen gebrochen.
Er war nach Hongkong gefahren, um über eine Lieferung von Mitteln zur Gewichtsabnahme zu verhandeln. Einen Monat war er bereits weg, doch keiner machte sich Sorgen. Nach dem zweiten Monat fing man schon an Alarm zu schlagen. Kurz danach kam ein Brief aus der Botschaft: tot aufgefunden, mit Heroin und Alkohol in Blut, kein Geld und keinen Pass dabei. Man konnte ihn jedoch anhand das Notizbuches identifizieren.
Puschok und sein verbliebener Kumpel Denis fuhren nach Hongkong zur Übergabe der Leiche ihres Freundes. Ihnen war Angst und Bang. Gleich am Flughafen kauften sie eine Flasche Whisky und tranken sie leer. Das haben die Engländer erfunden, bei dieser Hitze zu saufen. In Hotel schien es plötzlich, als ob sich die Tür offen und der verstorbene Serjoga hereinkommen würde, so deutlich war sei Anwesenheit zu spüren.
Puschok fuhr zur Polizei, um Serjoga zu identifizieren. Die Leiche lag zwei Monate lang ohne Kühlung in einem Leichenhaus, und es war unklar, wie man ihn zu seiner Mutter transportieren und ihr auch noch die ganze Geschichte beibringen sollte. Man entschloss sich also zur Einäscherung in einem buddhistischen Tempel. Da Puschok ein gläubiger Mensch war, war es ihm wichtig, zumindest irgendeinem Ritual zu folgen. Für Serjogas Mama brauchte Puschok ein kleines Köfferchen, das er mit dessen persönlichen Sachen und mit der Urne seiner Asche füllte.
Nach diesem Ereignis war alles aus. Denis flüchtete mit dem ganzen Bargeld nach Dubai. Er nahm 800.000$. Er hat Geld vom gemeinsamen Konto in Zypern geklaut. Zur gleichen Zeit war Puschok von Banditen umbringt.
Das ganze Geschäft – Menschen, Lagerhallen, Container, Monitore, Recorder – von den Augen aller begann es auseinander zu brechen.
Ein paar Monate später tauchte Denis in Hongkong auf. Er schickte eine offizielle Einladung an seine Frau, die vor kurzem ein Kind geboren hatte. Sie verunglückte jedoch tödlich, als ihr Flugzeug über Sibirien abstürzte. Es war ein schrecklicher Unfall, bei dem viele Menschen starben. Denis hat man neulich in Neuseeland gefunden. Er besitzt dort nun eine eigene Fabrik, hat einen anderen Namen, eine andere Familie.
Jeden Morgen trank Puschok eine kleine Flasche “Smirnow” leer. Es war nutzlos den Banditen zu erklären, dass Denis das ganze Geld geklaut hatte. Sie glaubten ihm einfach nicht. Letztendlich flüchtete Puschok, er flüchtete ganz cool nach Petersburg.
Dort schaute er eines Abends aus dem Fenster und sah einen Lada. Er machte das Licht an, damit die im Auto sitzenden Banditen nicht merken konnten, das er zu Hause war. Er packte schnell seine Sachen, zog den langen schwarzen Mantel und die Handschuhe an. Es war März und frostig. Er kroch durch eine Luke auf das Dach des neunstöckigen Hauses und lief los. Die fünfte, sechste, siebte Luke – alle verschlossen. Er versuchte Gitter aufzubiegen, doch er hatte kein Glück. Alles war wie in einem Videospiel. Aus seinem Mund kam richtig dichter Dampf. Endlich, im letzten Aufgang, war die Luke offen. Ein absurder Gedanke blitzte auf – vielleicht sollte er seine Spuren im Schnee verwischen? Puschok lief zu einem seiner Freunde. Dieser hat ihm etwas zu Rauchen gegeben und bot ihm ein Maschinengewehr an, einen Karabiner, eine Pistole, Granaten zur Auswahl. Nachdem er etwas zu Ruhe gekommen war, fuhrt Puschok mit 15.000$ in der Tasche nach Petersburg.
Ich habe ihn zuletzt Anfang dieses Sommers in Moskau gesehen. Er ist voll von künstlerischen Ideen. Während der Arbeit in der “Waffengalerie” fing er an, sich ernsthaft mit Kunstprojekten zu beschäftigen, machte einige gute Videos und Performances.
Im Zusammenleben war Puschok ein recht friedfertiger Mitbewohner. Allerdings spülte er nie das Geschirr und rührte im Haushalt keinen Finger. Doch dafür kamen zu ihm sehr viele Freunde. Sie hinterließen in meinem Zimmer riesige Aschenbecher voll mit Kippen. Morgens stürmte Puschok immer mit eingeseiftem Gesicht in mein Zimmer und rasierte sich vor meinem Spiegel. Zuletzt habe ich ihn in Moskau gesehen, wohin er vor kurzem zurückgekehrt ist – er hatte wohl Sehnsucht nach seiner Heimat.

5. KAPITEL – CHOMJAK

Unter den Freunden, die meinen Mitbewohner Puschok umgaben, war Chomjak /im dtsch. Hamster, Anm. der Übersetzerin/, oder Denis Chomtschenko. Er bewohnte mein Zimmer, als ich anlässlich eines Stipendiums nach Schloss Solitude fuhr. Denis arbeitet wie auch Puschok als DJ in der “Waffengalerie”. Er wurde in St. Petersburg in einer Künstlerfamilie geboren. Seine Mutter ist eine bekannte Kostümbildnerin, die zahlreiche Filme ausgestattet hat. Denis wurde sehr früh selbständig. Auf der einer Seite ist er ein intelligenter junger Mann, der verschiedene Instrumente spielt und von Kindheit an eine künstlerische Ausbildung erhielt. Auf der anderen Seite verteidigt er seine Unabhängigkeit vor seiner Umwelt, seinen Freunde. Als halbstarker machte er Kickboxen, um in der Augen der aggressiven Petersburger Jugendlichen stark zu wirken. Mit 15 heiratete er. Seine Frau musste Dokumente zur Bestätigung einer Schwangerschaft fälschen, damit die Hochzeit überhaupt als rechtsgültig anerkannt wurde.
Er bezeichnete sich selbst aus strategischen Gründen als Antisemit, nämlich um wieder einmal dem Wehrdienst zu entgeben. Sie lebten im Nahen Osten, in Palästina, in Israel. Zweieinhalb Jahre Arbeit auf einem bekannten Künstler- und Musikerboot, ein Jahr als DJ in einem Hamburger Club, seit 1997 hat er sich in Berlin niedergelassen. Ich bin sicher, dass Berlin nicht die Endstation seines Weges ist. Wenn sie einmal mit dem Nomadenvirus infiziert sind, dann wollen Menschen wie Chomjak immer vorwärts, vorwärts und kehren selten an Orte zurück, wo sie schon einmal waren. Die einzige Ausnahme kann der Ort bilden, wo sie geboren wurden und aufgewachten sind.
Mit Denis kann man sich sehr gut unterhalten, und er ist auch im Zusammenleben ein sehr angenehmer Mensch. Er spricht extrem unterhaltsam schnell, so dass er sich an einigen Drogen einmal überfressen hat und fast gestorben wäre. Manchmal ist es schwer ihn zu verstehen. Aber er ist immer freundlich. In der Wohnung wäscht er gerne ab und hat sogar hausfrauliche Qualitäten; auch das Türschloss, das nicht einmal Puschok richten konnte, hat er repariert. Sein letztes geistiges Kind waren die von ihm organisierten Kunstferien. Ich würde mich wohl weniger wundern, wenn mein Mitbewohner plötzlich Kulturminister würde, als wenn ich erführe, dass er wegen Drogenschmuggels ins Gefängnis gesteckt wurde.
In Russland sind die zarten, feinfühligen und verletzbaren Jungs wegen ihrer Intelligenz oft das Ziel von Hänseleien ihrer Umgebung. Daher beginnen eben sie, sich mit Extremsportarten zu beschäftigen, um ihren Körper in eine stählerne Festung für ihren Geist zu verwandeln. Eine Heirat in jungem Alter ist auch ein Zeichen des Protests gegen die utilitaristische Beziehung zur Liebe, eine romantische Herausforderung an die Polygamie der heutigen Welt. Chomjak war fünf Jahre verheiratet. Seine Exfrau wohnt immer noch bei seiner Mutter. Sie wurde Freundinnen, Kolleginnen und arbeiten gemeinsam an der sozialen Kriterien für die künstlerische Durchführung von Filmen. Anfang der 90er begann für Chomjak eine Zeit der Wanderschaft. Um nicht in der russischen Armee dienen zu müssen ging er nach Israel. Nachdem er den Pass mit der israelischen Staatsangehörigkeit erhalten hatte, musste Chomjak auch schon wieder aus Israel nach Berlin flüchten.

6. KAPITEL – KLJUTSCH

Der Herbst in Berlin war für mich eine sehr eigentümliche Zeit. Ich befand mich sozusagen in der Verbannung. Auf der einen Seite sorgte das für einen Nachschub an kreativen Kräften; after der anderen für ein schneidendes Gefühl der Einsamkeit.
Üblicherweise bewegt sich mein Leben von der Arbeit an einem Kunstwerk zum nächsten, von der Arbeit an einem Projekt zum nächsten. Vernissagen sind dabei eigenartige Knotenpunkte, auf die sich die quälende Erscheinung des Seins reduziert. Die Zeit wird aufgeteilt in Stücke zwischen den Festlichkeiten. Oft fällt das Erscheinen neuer Bekannter oder Freunde mit diesen Perioden zusammen. Kljutsch /im dtsch. Schlüssel, Anm. D. Übersetzerin/ tauchte einige Zeit vor der Performance "Von dieser Seite des Lustprinzips” auf. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, barfuss auf Scherben zu laufen, als auf einer der Partys ein herrschaftlich/herrisch aussehender alternder Jüngling auf mich zukam und mir anbot, ein Bier mit ihm zu trinken. Ich mag Bier nicht und trinke es auch nicht, doch offensichtlich wollte er mich wirklich gerne kennen lernen, so dass ich zustimmte. Auf dem Weg zu Bar vergaß er offensichtlich sein ursprüngliches Anliegen. Mich hat das sehr amüsiert. Einige Zeit später erinnerte ich ihn an seine Inkonsequenz.
Kljutsch trägt seinen Spitznamen stolz seit seiner Hippie-Jugend. Eigentlich heißt er Volodja Podkljutschnikov. Äußerlich erinnert Volodja ein wenig an Piere Bezuchov, wenn dieser plötzlich eine Kariere als französischer Filmschauspieler angestrebt hätte. Während unserer Beziehung las Volodja “Krieg und Frieden” von Lev Tolstoj. An den Vertretern der russischen Emigranten kann man wunderbar die zeitweiligen Schnittstellen des russischen Gemüts erkennen. Wenn er fortgeht, konserviert der Mensch in sich eine Epoche, die er eigentlich hinter sich lässt. An Kljutsch studierte ich die goldene Moskauer Jugend der 80er. Als Sohn eines Diplomaten verbrachte Volodja seine Kindheit in der DDR in Ostberlin. Daher ist wohl die deutsche genauso seine Muttersprache wie die russische. Unabhängig von zwei Ausbildungen – auf Volodjas Visitenkarte kann man zwei Berufsbezeichnungen lesen: “Germanist” und “Werbemacher” – hat Kljutsch sich weder als das eine noch als das andere verwirklicht. Er bleibt in seiner Zeit verhaftet. Leider funktionieren die Mechanismen dieser strahlenden Jugend auf der Strasse der Wahrheit nicht in der kapitalistischen Welt Deutschlands. Obwohl er sich auf beruflicher Ebene nicht verwirklicht hat, verwirklicht er sich doch zumindest in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Er kann ein beeindruckender Saufkumpane sein, der alle ob der zu sich genommenen Alkoholmengen in Erstaunen versetzt. Er kann ein streitsüchtiger Raufbold sein oder ein intelligenter und charmanter Gentleman. Ihn umgibt ein Meer an sagen, an die man nur schwer glauben kann. Beispielweise soll er einmal, als er an einem Morgen nach einer durchzechten Nacht nichts fand, um seinen Kater zu besänftigen, sämtliche alkoholischen Überreste in ein Glas zusammengeschüttet haben und sich dieses Gemisch anschließend in der Venen gespritzt haben. Der Trip war unterhaltsam – eine Blutvergiftung. Wenn alle von Volodjas Träumen in Erfüllung gegangen wären, so wären wir Zuschauer eines Lebensentwurfes aus dem 19. Jahrhundert geworden. Wir hätten uns gewundert, das in unserer Zeit noch solche Menschen leben.



7. KAPITEL – MANUEL

Der Dezember in Berlin war besonders traurig. Die Depression verstärkte sich noch durch die Abwesenheit von Kohle und Licht im Haus. Ich erinnere mich immer noch an dieses Grauen – eine kalte Dusche im Dunkel, in absoluter Kälte, mit dem Wintermantel im Bett. Für einen Moskauer ist eine Ofenheizung Nonsens, nie in meinem Leben habe ich früher so etwas gesehen. In dieser Zeit habe ich angefangen, mich mit Manuel zu treffen, sofort nach meiner Performance “Schiessstand”, während der ich die Schrecken des Krieges nachzuempfinden versuchte, wenn man auf sich gerichtete Waffen sieht.
Ich habe mich geirrt, dachte, dass Manuel mich vor dem Krieg am helllichten Tag retten könne, vor diesem ungeheuerlichen Druck und der Erschöpfung. Trotzdem bin ich ihm sehr dankbar, da ich – wenn auch nur für kurze Zeit – die Illusion von Wärme hatte, die mir in diesem Dezember so sehr fehlte.
Er war ein seltsamer junger Mann. Er wuchs als Sohn eines Architekten in dem malerischen kleinen Dorf Wertheim auf, das fast ausschließlich sein Vater gebaut hatte. Manuel lebte, wie es sich gehört, in dem besten Haus, das sein Vater je gebaut hatte und schaute von Kindheit an von seinem Fenster aus auf eine romantische Landschaft mit den Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses an einem Berg und den Ufern eines Flusses. In seiner Jugend erhielt Manuel eine klassische Ausbildung, ergötzte sich an Musik, an Philosophie, auch an Rock, am Journalismus und, letztendlich, an der Kunst.
Sich mal in dem einen, mal in dem anderen versuchend, wurde er auch als Besitzer eines vierbeinigen Freundes, eines Hundes, bekannt, der sein Herrchen nie allein ließ. Einmal lud Manuel mich zu einer Party ein, auf der er als DJ arbeitete. Er wählte die Texte der Lieder derart aus, dass er mir damit seine Gefühle offenbaren konnte. Als er mich nach Hause begleitete, schaute er mich während des gesamten Weges ununterbrochen an. Das war sehr lustig, den letztendlich schlug er sich sehr heftig den Kopf an einer überirdischen Wasserleitung an. Kurz darauf beschloss ich, ihn für sein Leiden zu entschädigen und lud ihn zum Abendessen zu mir nach Hause ein. Ich bereitete eine Installation unter dem Titel “Abendessen für zwei” vor. Ich hatte den Tisch mit zahlreichen Papierservietten, getrockneten Blumen und Weihnachtsdekoration geschmückt, die ich speziell zu diesem Zweck gekauft hatte. Der Tisch sah aus wie eine Karikatur des guten Geschmacks. Alles war sehr zeremoniell. Manuel kam im Anzug, mit Krawatte, mit einem Blumenstrauß. Ich zündete die Kerzen an und alles ging in Flammen auf, die Tischdecke, die Servietten, die trockenen Blumen – alles brannte.
Als wir gemeinsam bei seinen Verwandten in Wertheim Weihnachten feierten, trennten wir uns sofort nach Silvester. Glücklicherweise betrat ich danach nicht mehr die Wohnung in der Brunnenstrasse, da ich anschließend nach Stuttgart fuhr, wo ich ein warmes, riesengroßes Atelier in einem komfortablen Schloss erhielt – das Schloss heißt “Solitude”.
Es ist schade, dass Einsamkeit so oft zusammenfällt mit Pracht, und Glück mit Entsagen. Doch weder das eine noch das andere bringen Befriedigung.

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© Elena Kovylina, 2003-2008